Herberge – Pilgerheimat oder Alptraum? Ein Erfahrungsbericht

Wenn du mit dem Gedanken spielst, dich demnächst selbst mehrere Wochen auf den Jakobsweg zu begeben, dann hast du dir sicher schon folgende Frage gestellt:

Wie fühlt sich das wohl an in den Pilgerherbergen zu übernachten?“

Schließlich ist das ja doch was ganz anderes, mit vielen fremden Menschen in so einem Schlafsaal zu übernachten, als in seinem vertrauten Bett zu Hause alleine oder mit dem Partner zu nächtigen.

Die Leute reden…

Und womöglich hast du verschiedenste Stories darüber gehört: Vom Bettwanzen-Alptraum über schlaflose Nächte durch sägende Schnarcher im Bett obendrüber bis hin zu Geschichten von faszinierenden Begegnungen mit anderen Pilgern und Hospitaleros (Freiwilligen, die in den Herbergen helfen), die in Erinnerung bleiben und vielleicht sogar etwas dauerhaft verändert haben in einem.

Doch was ist nun wahr davon und welche Version stimmt? Ist die Pilgerherberge ein Ort zum Auftanken und Austauschen mit anderen Pilgern, oder ein Alptraum in Form eines Matratzenlagers? Sollst du unterwegs auch in den Herbergen schlafen oder dir lieber Pensionen und Hotels am Weg suchen?

Wie ich Pilgerherbergen erlebt habe

In diesem Artikel möchte ich dir einen Einblick in die Welt der Pilgerherbergen geben, wie ich sie erlebt habe auf meinen mehreren Pilgerreisen, um dir eine Ahnung zu geben.

Und um es kurz zu machen, meine Erfahrung ist: Es kann alles davon sein.

So wie das Leben ein bunter Strauß Blumen sein kann, mit Höhen und Tiefen, schönen und schlechten Tagen, so habe ich auch die Pilgerherbergen erlebt.

Himmlisch geschlafen

Ich habe dort die tollsten Abende verbracht, wunderbare Gespräche geführt und interessante Menschen getroffen, und ein Gemeinschaftsgefühl gespürt, das an Familie in den besten Tagen erinnert. Ich habe himmlisch geschlafen und mich aufgehoben gefühlt in der Gemeinschaft der anderen Pilger, die zwar aus verschiedensten Ländern und Städten gekommen, doch alle in der einen Sachen verbunden sind: Wir sind alle Pilger. Ich habe nichts vermisst und es war mir nichts zu laut, um den wohlverdienten Pilgerschlaf nach einem langen Tag zu genießen.

Mächtig genervt

Und ich habe auch die Kehrseite erlebt: Ich habe Nächte erlebt, wo es mir auf den …äh… Keks gegangen ist, wo ich mich nach der Ruhe, Ungestörtheit und dem Komfort eines eigenen Zimmers gesehnt habe, mit ordentlicher Matratze, guter Lüftung und Stille. Ich habe wegen eines furchtbaren Schnarchers dicht neben mir auf dem Boden nicht einschlafen können, denn durch die Überbelegung der Herberge waren wir alle gezwungen, unser Nachtlager nebeneinander auf dem Boden herzurichten; und ich wurde ein ums andere Mal durch geschäftiges Rascheln am frühesten Morgen jäh aus dem Schlaf gerissen, obwohl es mir durchaus gereicht hätte, um 7 Uhr den Tag zu begrüßen, anstatt bereits um 5 Uhr morgens.

Jede Herberge ist anders

Wie du siehst, war alles dabei, und die Pilgerherberge ist weder das eine, noch das andere, sie ist beides und nichts davon zugleich. Sie ist immer anders und es kommt immer auf den Tag, Ort und die Umstände an.

Wie mache ich das selbst nun nach diesen Erfahrungen? Ich gehe gerne in die Pilgerherbergen, nach wie vor. Nicht nur, weil sie günstig (viel günstiger als alles andere) sind, sondern auch weil ich die Begegnungen und den „Spirit“ dort schätze. Und ich gehe ab und zu auch in eine Pension am Weg (oder ein Hotel, wenn der Geldbeutel das zulässt, so wie Hape es auf seiner berühmten Reise auch das ein oder andere Mal gemacht hat), oder nutze Couchsurfen oder AirBnb in größeren Städten.

Sei so offen wie möglich für das, was der Weg dir zu geben hat

Jakobsweg

Einen Überblick über die verschiedenen Übernachtungsmöglichkeiten habe ich in diesem Artikel gegeben. Was ich dir jetzt noch als Tipp mitgeben kann, ist zum einen möglichst offen und unvoreingenommen den Weg und die Herbergen zu erfahren, dem allen eine Chance zu geben. Denn womöglich wird es ganz anders, als du es dir vorgestellt hast? Und jede Herberge ist anders.

Es gibt moderne, alte, große, kleine Herbergen, freundliche wie unfreundliche Hospitaleros, toll ausgestattete wie mangelhaft ausgestattete Herbergen und so weiter. Wie im Leben.

Ein kleiner Tipp am Rande

Die andere (nicht ganz unwichtige) Sache ist: Wenn du den Pilgerführer studierst und die möglichen Zielorte und Herbergen für den Abend abwägst, dann schau dabei auch besonders auf das Verhältnis zwischen Betten und Zimmern.

Es ist was anderes (und womöglich viel angenehmer), wenn eine Herberge zwar ganze 60 Betten hat, die aber auf 8 Zimmer aufgeteilt sind, als wenn eine Herberge nur 50 Betten hat, die aber nur auf 2 Zimmer aufgeteilt sind. Wenn du das beachtest, bekommst du schon eine kleine Ahnung von der Herberge. Der Rest ist ausprobieren, und in Erinnerung behalten (oder sich klarmachen): Ich kann immer noch gehen, falls es mir hier doch nicht gefallen sollte.


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27 Kommentare.

  1. Werde nächstes Jahr im Sep/Okt starten und lese mit viel Freude eure Berichte ,meine Frage sind dann die Unterkünfte nicht mehr so voll ?

    • Liebe Brigitte,

      du kannst damit rechnen, dass du immer ausreichende Möglichkeiten finden wirst, um zu nächtigen. Ich bin zur identischen Jahreszeit den Camino Frances (2015) und den Camino Primitivo (2016) gelaufen. War alles kein Problem. Und glaube mir, wenn du etwas benötigst, wirst du es auch bekommen. Auf dem Camino ist niemand alleine, es sein denn, er will es so. Ich will Dir bei der Gelegenheit noch was mit auf den ‚Weg‘ geben. Bitte tue Dir selber den Gefallen und lass dich von etlichen negativen Kommentaren in diesem Blog, was die Themen ‚Lärm‘, ‚volle Herbergen‘, ‚Massenpilgern‘ usw. anbelangt, nicht schocken oder beeinflussen. Sofern du als Pilger und nicht als ‚Tourist‘ auf den Wegen dieses einzigartigen Wegenetzes wandelst, wirst du sicherlich mit den o. g. Kriterien in Berührung kommen. Manche PILGERherbergen sind nun mal voll, stickig und laut. Aber bitte lass Dich davon nicht abhalten dort zu verweilen. Pilgern heißt auch sich mit vielen Widrigkeiten auseinander zu setzen und den gewohnten Alltagstrott hinter sich zu lassen. Deswegen sollten PILGERherbergen das Mittel Deiner Wahl sein. Hotels und Pensionen sind was für Eigenbrödler. Pilgern heißt auch in Gemeinschaft den Weg zu gehen, denn die interessantesten Impulse für Dich und Dein weiteres Leben wirst du von Deinen Mitpilgern erfahren. Sei offen für Neues, nimm die Dinge als gegeben hin und lass Dich bitte nicht von Anderen beeinflussen. Mach Deine Erfahrungen selbst. In dem Sinne… Buen Camino!!

      Dein (zukünftiger) Pilgerbruder
      Christian

      • Jeder ist SEINES GLÜCKES Schmied, lieber Pilgerbruter Christian. Damit ich Dir auch zukünftig nicht Dein Bett wegnehme, habe ich schon im voraus die Pensionen für den weg von Lisboa bis Fatima im März gebucht. Mitpilger trifft man auf dem Weg – weniger im Schlafsaal „zwischen himmlischen Fürzen und erdigen Scharchern“. Immer tief Luft holen. Der Körper gewöhnt sich auch an barabrische Schweißfüße im Bett über Dir. Er fällt ganz einfach un Ohnmacht. Dann bist Du der Erkenntnis des Weges sehr nahe.

  2. Na ja, Fastenpilger, du hast ja nun deine Abneigung gegen Herbergen in diesem Ast schon mehrfach kundgetan. Aber Recht hast du: Jeder ist seines Glückes Schmied. Deshalb lass gut sein.

    Ich kann aber auch nicht mitreden, denn ich kenne keinen dieser (Pilger)Wege. Ich starte auch erst im April 2019 auf dem Standardweg. Die Erstübernachtung werde ich in SJPDP vorbuchen. Aber dann werde ich alles mit offenen Augen und offenem Geist auf mich zukommen lassen. Vor Allem die Übernachtungsmöglichkeiten. 😉

  3. Bin 2016 den Camino deNorte ab Sandander gelaufen und hatte durchweg gute Erfahrung mit den Herbergen. Schnell bekommt man einen Blick für die beschaffenheit der Herbergen..Ab und zu auch in kl.Pensionen übernachtet,welch ein Luxusgefühl war. Aber das gemeinschaffs Gefühl und die netteGespräche vor den besetzten Duschen, einfach unbezahlbar.In September laufe ab Porto und freue mich auf viele neue Eindrücke und der Erkenntis das der Weg das Ziel ist. .Also einfach Loslaufen und sich freuen das man das kann.

  4. Hallo zusammen, ich werde von Porto bis Compostella Ende Mai 2019 mit meiner besten Freundin gehen, wir haben vor uns auch treiben zu lassen und zu schauen wo wir Übernachten. Wie ist das mit der bezahlung,kann man auf dem Weg viel mit Karte bezahlen?Gruß Manuela

  5. Pingback: Ist der Sommer eine gute Zeit zum Pilgern? Oder wann? | Jakobsweg-Küstenweg

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