Wandersandalen: Luftig unterwegs

Wandersandalen

Wandersandalen sind eine immer beliebter werdende Alternative zu den klassischen, klobigen Wanderschuhen. Wir stellen sie hier näher vor.

Auf den ersten Blick – oder besser gesagt Tritt – mag es vielleicht ein wenig überraschen, doch Wandersandalen sind gar nicht so selten auf dem Jakobsweg zu finden.

Warum das so ist, welche Modelle für Damen und Herren in Frage kommen und worauf du achten solltest – das beantworten wir dir in diesem ausführlichen Artikel.

Damit du alles Wesentliche aus erster Hand erfährst, habe ich mir eine erfahrene Wandersandalen– bzw. Trekkingsandalen-Pilgerin dafür mit ins Boot geholt.

Lydia ist mit stolzen 68 Jahren (!) Teile des Küstenwegs in Wandersandalen gelaufen und hat an der Rucksackreise zu Dir teilgenommen. Zurzeit (Herbst 2017) komplettiert sie das ihr noch fehlende Stück auf dem Küstenweg.

Lydia bei der Rucksackreise

Sie unterstützt dich hier ebenfalls bei der Recherche und Frage, ob Wandersandalen in Frage kommen, und teilt ihre Erfahrungen und Tests hier mit uns.

Lydia mit Wandersandalen

Kurzfassung für Eilige:

Möchtest du die Essenz dieses Artikels in wenigen Sätzen plus eine Empfehlung?

Wandersandalen sind wesentlich leichter und luftiger als hohe Wanderstiefel. Auf nicht-alpinen Strecken und Fernwanderwegen mit einem beträchtlichen Asphalt-Anteil wie dem Jakobsweg sind sie gut einzusetzen.

Zu beachten ist, dass der Fuß bei Regen natürlich viel leichter angreifbar ist.

Immer wieder gelobt und genannt werden von Wanderern und Pilgern die Wandersandalen von Teva.

Teva Wandersandalen


Langfassung des Artikels zu Wandersandalen

Zunächst wollen wir uns die Vor- und Nachteile dieser Schuhgattung anschauen. Später werden wir dann auch die Frage nach geeigneten Modellen von Teva, Decathlon, Keen, Source, Ecco & Co. aufgreifen.

Das Thema finde ich essenziell, da die Schuhwahl für mich nach wie vor einer der wichtigsten Punkte auf der Packliste bei der Vorbereitung auf den Jakobsweg oder andere längere Wandertouren ist.

Die Schuhwahl ist einer der wichtigsten Punkte bei deiner Vorbereitung

Ohne passende Wanderschuhe – oder in diesem Fall Wandersandalen – und Wandersocken kann die Reise schmerzhaft werden oder schlimmstenfalls sogar schneller vorbei sein, als einem lieb ist. Denn Blasen und Co. können weitaus mehr als nur ein „Weh-Wehchen“ sein.

Immerhin bist du als Pilger häufig annähernd so viele Stunden draußen unterwegs in der Natur, wie du sonst auf der Arbeit bist. Daher möchte ich ein Hauptaugenmerk auf die Vorbereitung und speziell auf das Thema Wanderschuhe legen.

Als Pilger bist du annähernd so viele Stunden draußen unterwegs, wie du sonst auf der Arbeit bist.“

Ich selbst bin bislang (Stand Herbst 2017) in klassischen Wanderstiefeln gepilgert. Doch wie der ein oder andere Pilger, der schon etwas länger „dabei“ ist, bin auch ich im Laufe der Zeit und im Rahmen meiner Caminos über folgende Feststellung „gestolpert“ und wurde neugierig:

Die Wanderwelt ist weitaus größer und besteht aus mehr als nur klassischen, hohen Wanderstiefeln.“

Trekking ultraleichtZu der Einsicht gelangt, wer beginnt, sich mit dem Thema Ultra-Leicht-Trekking und Ausrüstung zu beschäftigen (eine Buchempfehlung zum Einstieg ist im Foto abgebildet). Manchmal genügt auch schlicht einmal der Blick auf die Schuhe der Mitpilger.

Entweder ich bilde es mir ein, oder es ist wirklich so, doch zuletzt scheint mir: Auf dem Jakobsweg lassen sich zunehmend leichtere Wanderschuhe finden:

  • Wandersandalen
  • Trailrunningschuhe
  • Barfußschuhe

Und das hat auch seinen Sinn. Denn obwohl gestandene Wanderschuhe, die auch nach wie vor absolut in Ordnung gehen, definitiv eine sichere und gute Wahl sind, kann sich ein Blick auf die anderen Optionen lohnen.

Wandersandalen im Gelände

Vor- und Nachteile von Wandersandalen

Neben den klassischen Wanderstiefeln bieten leichtere Schuhe wie Trailrunningschuhe, Turnschuhe oder eben auch Wandersandalen ein paar deutliche Vorteile:

  • Wandersandalen sind wesentlich leichter vom Gewicht als dicke Wanderstiefel
  • Wandersandalen lassen viel mehr Luft an die Füße als klassische Wanderschuhe
  • Einige Pilger berichten, dass sie in Trekkingsandalen weniger Blasen und Druckstellen haben, als in normalen Wanderstiefeln
  • Wandersandalen lassen sich für manche Menschen angenehmer auf Asphaltstrecken laufen, die leider immer wieder auch zum Jakobsweg mit dazugehören
  • Wandersandalen lassen sich unter Umständen auch in der Herberge als Schuhe zum Duschen nutzen

Natürlich bieten auch diese Schuhe nicht nur Vorteile, daher bleibt es ein Abwägen. Der größere Nachteil bei Wandersandalen liegt auf der Hand, und es ist nicht der einzige:

  • Wandersandalen bieten wenig Schutz bei Regenwetter und sorgen schnell für nasse Füße (können allerdings unter Umständen auch später wieder schneller trocknen)
  • Wandersandalen bieten weniger Schutz beim möglichen Umknicken des Fußes

Interview mit einer Wandersandalen-begeisterten Pilgerin

Lydia, du bist ja ein gutes Stück vom Küstenweg (Camino del Norte) mit Wandersandalen gepilgert. Warum hast du dich für die Sandalen entschieden?

Ich pilgere seit mindestens 15 Jahren ausschließlich in Sandalen, und zwar jedes Jahr von Kaarst nach Trier mit der St. Matthiasbruderschaft Holzbüttgen zum Grab des Apostels Matthias. Wir laufen täglich 50 km (das ist kein Schreibfehler!) und das 4 Tage lang.

Außerdem gehe ich seit 10 Jahren etappenweise den Jakobsweg und bin z. B. in Frankreich mit meinen Sandalen durch das Zentralmassiv gepilgert und das Höhenprofil des Baskenlandes, das wir gemeinsam gelaufen sind, spricht ja für sich. Man könnte also sagen, dass ich ziemlich erfahren im Sandalen-Pilgern bin.

Ich bin von richtigen knöchelhohen Wanderschuhen über Walking- und Turnschuhe zu den Sandalen gekommen.“

Ich bin von richtigen knöchelhohen Wanderschuhen über Walking- und Turnschuhe zu den Sandalen gekommen, weil ich nach ca. 3 Trier-Wallfahrten plötzlich äußerst schmerzhafte Druckstellen an beiden kleinen Zehen hatte. Nach 10 km sahen sie aus wie kleine Feuermelder und fühlten sich auch so an.

Eine Podologin hat mir dann mal erklärt, dass Zehen auch ein „Trauma“ erleiden können, das leider nicht therapiert werden kann. Deshalb habe ich keinen anderen Ausweg gesehen, als in Sandalen zu gehen, die auch den kleinen Zehen Freiheit geben.

Lydia mit Wandersandalen

Würdest du es beim nächsten Mal genauso machen? Gibt es Dinge, die du ändern würdest?

Ich habe immer mal wieder versucht, in besonders weichen und weiten Schuhen zu gehen, obwohl ich sehr schmale Füße habe. Spätestens nach 10-15 km schlägt die Stunde der Wahrheit und ich schlüpfe wieder in meine Sandalen.

Ich habe in den letzten Wochen „Barfuss-Schuhe“ von Ballop getestet, allerdings nicht weiter als 10 km. Wenn das Gewicht es zulässt, werde ich sie jetzt auf meinem Jakobsweg mitnehmen und gerne darüber berichten.

Was sagst du zum Einwand, dass man bzw. Frau bei Nässe weniger geschützt in Sandalen ist?

Meine und die Erfahrung meiner Mitpilger mit Nässe ist diese: in Sportschuhen mit Mersheinsatz bekommt man z. B. vom Morgentau genauso nasse Füße wie in Sandalen und wenn es richtig regnet, ist irgendwann jeder Fuß nass.

Zur Vermeidung von Reibung und daraus resultierenden Blasen trage ich immer Wandersocken, und ich kann versichern: wenn die Socken einmal nass sind, ist man durch.

Aber von dem Moment an, an dem kein Wasser mehr von außen an die Strümpfe kommt, sind sie ziemlich genau in 1 Stunde durch die Körperwärme getrocknet, während man in geschlossenen Schuhen bis zum bitteren Ende in nassen Socken und Schuhen läuft.

Hattest du keine Angst, leichter umzuknicken in den Sandalen?

Doch und wie! Ich war sogar ein großer Verfechter der Theorie, dass man auf jeden Fall den Knöchel geschützt haben muss. Meine Erfahrung ist aber eine andere. Wichtig ist, dass der Schuh fest, aber angenehm sitzt, was mit den flexiblen Klettverschlüssen an 3 Stellen sehr gut zu regulieren ist.

Ich achte auch auf eine gute Dämpfung und habe mich in diesem Jahr schweren Herzens von meinen ersten Sandalen getrennt, weil sie wirklich platt waren, und das merkt man an müden und gestressten Muskeln und Sehnen.

Auf jeden Fall empfehle ich ein Paar gute Wander-bzw. Trekkingstöcke.“

Auf jeden Fall empfehle ich ein Paar gute Wander-bzw. Trekkingstöcke (keine Walkingstöcke). Damit hat man besonders in unwegsamem Gelände (z.B. steile An- und Abstiege mit nassen Wahnsinns-Steinen) guten Halt, weil man immer 2 „Beine“ auf der Erde hat.

Und auf ebenen Wegen kann man auch mal singend oder pfeifend die Landschaft rundherum genießen, weil man nicht ständig den Boden im Auge haben muss. Ich bin bis jetzt kein einziges Mal umgeknickt und habe auch nicht vor, das zu ändern.

Welches Modell bzw. welche Modelle hast du bislang genutzt und warum?

Teva Wandersandalen querIch komme am besten mit „Teva“ klar.

Meine Kriterien sind: absolute Zehenfreiheit, ein möglichst glattes Innenfußbett (zur Vermeidung von Druckstellen + Blasen) – Dämpfung – gute Profilsohle. So habe ich vor kurzem „Teva Hurricane“ gekauft.

Ich gucke auch immer nach älteren Modellen. Meine ersten Tevas haben nach mindestens 3500 km keine Materialschwächen außer der Dämpfung gehabt!

Fazit = Preis-Leistung stimmt zu 100 %. Andere Marken kann ich nicht beurteilen, ich schätze aber, dass sie auch gut sind.

Mit den Tevas (oder ähnlichen Sandalen) kann man natürlich auch problemlos durch Wasser gehen bzw. damit duschen.

Hattest du neben den Sandalen noch einen Zweitschuh mit oder nur die Sandalen?

Zweitschuh oder nicht – das ist hier die Frage, die jeder für sich beantworten muss. Ich habe immer eine 2. Tevasandale dabei, weil es für mich ein Horrorgedanke ist, dass der Schuh, aus welchem Grund auch immer, wirklich mal kaputt geht. Wie soll ich dann in einem spanischen Dorf einen Ersatz finden? Selbst in einer Großstadt muss ich wahrscheinlich einen teuren Kompromiss eingehen.

Gibt es noch weitere Tipps oder Erfahrungen, die du teilen willst?

Da ich auch erst nach einigen Wallfahrten eine „Blasenschwäche“ entwickelt habe, trage ich nur noch relativ dünne und glatte Wandersocken, weil schon ein etwas dickerer Strick bei mir eine Blase macht.

Ganz wichtig ist es, bei dem ersten stechenden Gefühl sofort ein Compeed-Pflaster (oder entsprechendes vom Discounter) aufzukleben. Je nach Beanspruchung hält es bis zu 2 Tagen und übersteht auch eine Dusche. Mit dieser Vorsichtsmaßnahme verhindert man meistens das Entstehen einer Blase.

Will man auf Nummer sicher gehen oder sollte es doch einmal zu spät sein, empfehle ich folgendes: es gibt medizinischen Schaumstoff (1,5 cm dick), den man z.B. mit  „Hypafix“ oder „BSN medical product“ fixiert. Beides kann man für jeden „wunden Punkt“ passend zuschneiden. Hypafix gibt’s auf der Rolle, es ist extrem dehnbar und dünn und schmiegt sich der Haut an. Man schneidet es deutlich größer als den Schaumstoff.

Weiterer Vorteil: es wiegt fast nix. Ich habe mit einer Pilgerschwester in diesem Jahr eine absolut billige Variante ausprobiert, und zwar einen Schaumstoff aus dem Baumarkt zum Füllen von Stuhlkissen. Wenn man auf feine Poren beim Schaumstoff achtet, ist er genauso gut wie der medizinische – und spottbillig.

Eine Blase würde ich übrigens nie aufstechen, weil dann große Infektionsgefahr besteht und der Körper damit ja ein eigenes „Polster“ bildet. Meine Erfahrung: Blase mit Compeed (o.ä.) abdichten und 1 Schaumstoff-Polster drüber.

Pilgern ist Kopfsache.“

Jakobsweg

Seit 20 Jahren gebe ich jedem Neupilger, der bei dem Gedanken an 50 km am Tag und das 4 Tage lang (mit entsprechend wenig Schlaf: 5 Uhr ist Abmarsch) nicht glauben kann, dass er das schafft, diese Erfahrung aller Pilger mit: Pilgern ist Kopfsache: Wenn ich weiß, dass ich heute 20 km laufe, bin ich nach 20 km erschöpft und wenn ich weiß, dass ich 50 km laufen werde, bin ich eben nach 50 km erschöpft.

Entscheidend ist die Motivation: Wenn ich aus sportlichen Gründen pilgere, werde ich spätestens nach dem zweiten Mal genug haben. Merke ich aber, dass Pilgern „aus-dem-Alltag-fallen“ und damit Balsam für die Seele ist, habe ich den Pilgervirus. Voraussetzung sollte auf jeden Fall ein Check-up beim Hausarzt sein.

Und mein Geheimtipp: wenn man im platten Rheinland wohnt und „Pilger-Berge“ vor sich hat (s. Baskenland), kann man sehr gut, preiswert, zeitsparend und effektiv trainieren, indem man Treppen steigt. Ich bin z.B. jeden Morgen vom Keller bis ins I. OG so schnell wie möglich 10 x rauf und runter gelaufen, damit habe ich nach meiner Berechnung ca. 60 Höhenmeter gemacht.

Danke für deine Zeit und die vielen Tipps und Erfahrungen, Lydia!

Küstenweg 3. Etappe San Sebastian - Orio


Weitere Tipps & Erfahrungen zusammengefasst:

  • Im Idealfall liegen die Riemen so, dass man in Socken in den Wandersandalen gehen kann
  • Um zu verhindern, dass sich beispielsweise Steine durchdrücken, sollte die Sohle möglichst fest sein
  • Es gibt auch immer wieder Pilger, die die Sandalen nur als Zweitschuhe nutzen zum Stadtbummel abends nach dem Pilgern und für in der Herberge
  • Hirschtalg! Ein echtes kleines Wundermittel. Creme dir jeden Tag morgens vor und abends nach dem Pilgern die Füße mit Hirschtalg ein (erhältst du in jeder Drogerie), dann bleiben die Füße länger geschmeidig und flexibel

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Ein Gedanke zu „Wandersandalen: Luftig unterwegs

  1. Hallo Christoph,
    ich halte Wandersandalen für Wahn. Bin erst gestern vom Küstenweg zurück. In Oviedo begonnen. Speziell in Asturien bei Einbeziehung der schönen, aber auch anspruchsvollen KASPER-VARIANTEN halte ich festes Schuhwerk für unabdingbar. Auf dem Weg von Luarca nach Navia schüttete es den ganzen Tag wie unter der Brause. Trotz Pocho ist in unsere GORE-TEX Stiefel Wasser in nicht unerheblichen Unfang eingedrungen. Das in Sandalen: KNEIPPSCHE BÄDER.
    L.G. Erwin

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