Macht euch nicht verrückt!

Die Panikmache der Medien um die verschwundene Pilgerin ist ähnlich tragisch wie das Ereignis selbst

Denise

*Update 14.04.2017: Der Fall wurde offenbar inzwischen aufgeklärt*

Es ist vor einiger Zeit eine Frau auf dem Jakobsweg verschwunden. Das hat mittlerweile fast jeder mitbekommen inklusive denen, die eigentlich gar nichts mit dem Jakobsweg am Hut haben.

Die Nachricht ist schrecklich – und die Befürchtungen haben sich leider bewahrheitet, Denise ist tot. Es gibt aber noch etwas in diesem Zusammenhang, worauf ich in diesem Text aufmerksam machen möchte.

Etwas, das ähnlich tragisch ist und kaum beachtet wird, ja, das nicht so sein müsste: Denn hier wird aus einem Einzelfall eine Regel gemacht – mit fatalen Folgen.

Hier wird aus einem Einzelfall eine Regel gemacht – mit fatalen Folgen.

Die Realität ist: Es ist einer von Hunderttausenden Pilgerinnen auf dem Jakobsweg etwas passiert. So wie jeden Tag in unserer Welt Dinge passieren – schöne wie schreckliche Dinge.

Doch was geschieht in den Medien? Hammernachrichten wie „Tod und Gewalt beim Pilgern nach Santiago“ machen die Runde und rufen Angst und Schrecken hervor. Der Jakobsweg wird als Krisengebiet ausgerufen. Frauen sollten nicht mehr alleine pilgern gehen und überhaupt sei nix und niemand mehr sicher auf diesem Weg.

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Die Folge: Viele Mädels und Frauen, natürlich auch Männer, die drauf und dran sind, den Schritt zu wagen und eine Reise alleine auf dem Jakobsweg zu starten, die ihr Leben verändern könnte, könnten ihre Pläne nun begraben ob der Panikmache. Reisen, die ein Turbo für die persönliche Entwicklung sein könnten, die für Klarheit sorgen und neue Visionen ins Leben bringen könnten.

Die Wahrheit ist: Wir haben es bitter nötig, solche Auszeiten und Besinnungsreisen wie auf dem Jakobsweg zu machen. In unserer hektischen, wettbewerbsorientierten Zeit brauchen wir das. Es ist Balsam für die Seele.

Was ist das für ein Verbrechen, wenn nun Tausende Frauen und Männer, die vielleicht schon mit gepacktem Rucksack aufbruchbereit dastanden, bereit für einen neuen Lebensabschnitt, nun innehalten und doch nicht lospilgern ob der furchtbar übertriebenen Medienberichterstattung?

Was für ein Verlust!

Danke, liebe Medien, ihr habt wieder ganze Arbeit geleistet! Ängste schüren, ohne zu prüfen, ob dies berechtigt ist oder ein Einzelfall. Ohne nachzudenken, was das für Auswirkungen haben kann. Ich applaudiere!

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Wäre diesen Menschen was passiert? Eine Garantie gibt es nie. Und natürlich ist Vorsicht – oder besser: Achtsamkeit – immer angebracht. Doch vermutlich wäre nichts passiert. So, wie hunderttausenden anderen Pilgerrinnen zuvor nichts passiert ist, die eine tolle Reise hatten und heil wiedergekehrt sind.

Der Camino ist genauso gefährlich oder ungefährlich wie das tägliche Leben.

Die Wahrheit ist nämlich: Der Camino ist genauso gefährlich oder ungefährlich wie das tägliche Leben, zuhause, in der Großstadt, im Auto etc. Erich Kästner hat bereits gesagt: „Leben ist immer lebensgefährlich“.

Also, Mädels, Frauen, Männer, lasst euch nicht einschüchtern von irgendwelchen sensationsgeilen Medienberichten, die nicht die geringste Ahnung vom Jakobsweg haben. Folgt euren Träumen, wandert los, seid dabei achtsam und folgt eurem Bauchgefühl! Eine Garantie gibt es nie, aber die gibt es auch zuhause und sonstwo nicht.

Wenn ihr es nicht tut, wäre es so, als ob man nie mehr eine Autobahn befährt, wo einmal ein Unfall passiert ist. Und das kann man auch nicht machen, oder?

Lest dazu auch die Meinung einer anderen Pilgerin:

So fürchterlich diese Geschichte ist, so darf sie auf keinen Fall die schwelende Furcht in manchen Herzen und Köpfen weiter anfachen. Wenn man sich mal die Statistiken des Pilgerbüros aus Santiago de Compostela anschaut und vor Augen führt, wie viele Menschen da Tag für Tag ankommen, jeden Monat und jedes Jahr unterwegs sind – wenn man sich mal darüber klar wird, dass da echt Massen unterwegs sind und dass eine solche Situation wie die oben beschriebene einmal in was-weiß-ich-wie vielen Jahren vorkommt, dann bin ich mir sicher ich, dass ich hier zu Hause gefährlicher lebe. Es ist ganz furchtbar schlimm, auch wenn wir noch nicht wissen, was passiert ist und wann sie wieder auftaucht (woran ich fest glaube) – aber es ist eine absolute Ausnahme!

Hier findet ihr den ganzen Artikel meiner – ebenfalls auf den Namen Denise hörenden – Bloggerkollegin.

Und mehr zum Thema „als Frau alleine auf den Jakobsweg“ findest du hier sowie hier mit einer Packliste.

Ich wünsche dir einen sicheren Weg und einen buen Camino!


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6 Gedanken zu „Macht euch nicht verrückt!

  1. Hi Christoph,

    weißt du, was witzig ist: Durch meinen inzwischen fast vollständigen Medienverzicht habe ich das noch nicht einmal mitbekommen. Erst über deinen Blog habe ich davon erfahren. Insofern hätte ich keine Angst vor dem Jakobsweg gehabt, weil ich nichts von der „Horrornachricht“ wusste. Für einen wie mich, der 20 Jahre lang Panikattacken hatte, ist der Medienboykott eine wunderbare Möglichkeit, vor nichts mehr Angst haben zu müssen 😉

    Du hast das Thema auf alle Fälle sehr gut aufgearbeitet – im Gegensatz zu den völlig zurecht gescholtenen Medien. Danke dir dafür und mach den Menschen weiter Mut. Angst haben wir alle schon genug.

    Liebe Grüße

    Mischa

    • Hi Mischa, genau aus dem Grund habe ich auch echt überlegt, ob ich den Artikel schreiben soll: da er halt ein schwieriges Thema aufgreift, das viele, aber noch nicht alle mitbekommen haben. Habe mich dann aber entschieden, dass es gut und wichtig ist, auch schwierige Themen zu erwähnen und besprechen. Im Übrigen mache ich das oft ähnlich wie du und lasse die Horrormeldungen gar nicht erst zu mit durchkommen. Das ist glaub ich auch das gesündeste.
      Viele Grüße Christoph

  2. Hallo Christoph,

    ich finde deinen Beitrag gut, habe ihn heute gefunden, da sich der Tag an dem ein Freund von mir beim Pilgern über den Jakobsweg fast jährt. Eigentlich suchte ich nach Berichten, die davon handeln, da eben jene Geschichte der Frau so hoch in den Medien gehandelt wurde.
    Leider habe ich gerade einmal drei Beiträge gefunden, und jeder war – wortwörtlich – gleich. Das ist sehr schade, denn er war ein junger Mensch und hat es eigentlich genau so verdient – entschuldige die Wortwahl – wie die Frau, dass man sich Gedanken darüber macht.
    Doch du hast Recht. Es war einfach nur ein tragischer Fall der gepusht wurde.

    Alles Liebe.

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