Die Universität des Lebens – oder: Güemes, die kultigste Herberge des Küstenwegs

Die Universität des Lebens. So nannte ein Herbergsvater auf dem Küstenweg – altersgemäß schon eher ein Herbergsopa (78) – seine damalige Zeit des Reisens. Zweieinhalb Jahre Zeit, wenn ich mich richtig erinnere, hatte der Mann sich in jungen Jahren freigeschaufelt, um die Welt und zig Länder und Kontinente zu bereisen. Jahre danach rief er eine Pilgerherberge ins Leben. Eine Herberge, die er heute noch betreut und die als eine der kultigsten und besondersten des ganzen Küstenwegs gilt: Die Albergue von Güemes, kurz vor Santander.

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Kein Wunder, denn hier in Güemes werden alle Pilger am Abend zusammengerufen, um einem einstündigen Vortrag von Ernesto, eben jenem Herbergsvater, zu lauschen. Erst danach gibt es Abendessen, übrigens für alle Pilger gemeinsam an einer langen Tafel. Mir fielen zunächst fast die Augen zu, als der Herbergsvater zu erzählen anfing, denn der Tag war lang, die Strecke weit und das Wetter warm gewesen bei meinem Besuch letzten Sommer.

Doch in den Tagen und Wochen danach sollten mir die Worte des Herbergspapas immer wieder einmal durch den Kopf gehen. Er hatte Recht mit dem, was er uns erzählte: La universidad de la vida, die Universität des Lebens, so hatte er das Reisen genannt.

ernestobustio_1Welch treffliche Bezeichnung, die auch endlich diejenigen verstummen lassen könnte, die nicht ganz auf unserer Seite sind. Die das Reisen als Urlaub, als Faulenzertum, als dahingeworfene Zeit sehen. Die, die Ihr-solltet-lieber-was-vernünftiges-tun predigen.

Nein, es ist kein Urlaub. Es ist eine Reise. Das ist was ganz anderes. Es ist kein Konsumieren, kein Pauschalisieren, es ist eine höchst individuelle Angelegenheit, die Mut und Ausdauer bedarf. Es ist eine intensive Zeit, des Lernens, des Erfahrens – unzwar nicht auf intellektueller, sondern auf körperlicher Ebene. Denn wir können noch so viel in Büchern lesen und nachdenken; erfahren und gefühlt wird das Leben im Körper, nicht im Kopf. Das ist der Unterschied zwischen Wissen und Erfahrung.

Wie es wirklich ist, einen Camino zu gehen, weiß ich erst, wenn ich es getan habe.“

Und ich kann zig Bücher über das Pilgern und Reisen lesen (und das habe ich früher auch getan), doch wie es wirklich ist, in der Welt unterwegs zu sein, einen Camino zu gehen, das weiß ich erst, wenn ich es getan habe. In dem Sinne ist das Reisen ein Premium-Studiengang, eine 1A-Ausbildung, mit höchstem Praxisanteil.

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In Spanien hat man dies erkannt: Dort ist, so habe ich mir sagen lassen, eine absolvierte Pilgerwanderung nach Santiago de Compostela für Schüler neben dem Schulabschluss wesentlicher Bestandteil des Lebenslaufs. Und in der Tat: Was könnte besser auf das Leben vorbereiten, als eine intensive, anstrengende, freudvolle Reise?

Was könnte näher dran sein am Leben, als der Jakobsweg mit seinen Herausforderungen, Höhen und Tiefen, Begegnungen und Einsamkeiten? Was könnte unserer Natur mehr entsprechen, als uns durch eben jene zu bewegen? Was könnte ein besseres Zeugnis für Reife, Erfahrung und Durchhaltevermögen sein, als das wochenlange Pilgern über Hunderte von Kilometern durch ein fremdes Land, den Naturgewalten ausgesetzt und nur mit dem nötigsten ausgestattet?

Doch zurück zur Herberge: Wenn du den Küstenweg entlangpilgerst, sollte ein Halt bei Ernesto in Güemes definitiv dazugehören!

Aktuell: Beinahe wäre dies allerdings gar nicht mehr so einfach gewesen. Denn es gab Pläne, die den Jakobsweg verlegen und um Güemes herum führen wollten. Dank dem Einsatz von Ernesto und knapp 5.000 Unterzeichnern einer Petition konnte dieses Vorhaben aber glücklicherweise abgewandt werden. Letzten Monat kam die gute Nachricht: Der Küstenweg führt weiterhin durch Güemes und somit auch an der Herberge von Ernesto vorbei.

Infos zur Albergue Güemes: 73 Betten in 12 Zimmern, Küche, Aufenthaltsraum, Garten. Hier geht’s zur Homepage der Albergue und hier findest du mehr zum Küstenweg.


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3 Gedanken zu „Die Universität des Lebens – oder: Güemes, die kultigste Herberge des Küstenwegs

  1. Einer der schönsten Orten, die ich auf dem Küstenweg kennenlernen durfte. Ich hatte mich auf dem Weg nach Güemes mehrmals verlaufen und war körperlich und seelisch völlig am Ende, als ich oben ankam. Weil gerade eine private Feier war, wurde mir direkt der Rucksack abgenommen, mir eine heiße Suppe und ein Glas Wein hingestellt. Ich hab fast geweint vor Glück 🙂 Am Abend wurde es dann noch ein wenig anstrengend: Ernesto bekam mit, dass ich sowohl spanisch als auch englisch spreche. Ergo: Ich durfte den Vortrag übersetzen…Anstrengend, aber insgesamt eines der Erlebnisse, die eine Reise wie diese so einzigartig machen.

    • Hi Laura, danke für deine persönlichen Worte! Ich war auch ziemlich fertig, als ich in Güemes ankam, lange Etappe und heißer Tag. Und dann noch den Vortrag anhören „müssen“, doch im Nachhinein war ich froh. 🙂 Lg Christoph

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